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Besuch von Frau Nussbaum

Zeitzeugin besucht den Deutschunterricht der Klasse 6a am 6. Juni 2008

Am Ende des sechsten Schuljahres hat unsere Klasse 6a im Deutschunterricht das Buch ”Lauf, Junge, lauf” gelesen. Der Autor Uri Orlev erzählt eine wahre Geschichte eines jüdischen Jungen aus Polen, der in der Zeit der Nazis lebte. Der Junge erlebt Unglaubliches in der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Oft sprachen wir mit unserer Klassenlehrerin während des Deutschunterrichts über das Thema “Der Zweite Weltkrieg und über die Herrschaft der Nazis”.

Obwohl die Geschichte des Jungen eine traurige und grausame Geschichte des 20. Jahrhunderts ist und bleibt, haben wir sehr für dieses Thema interessiert, weil wir darüber nicht viel wussten. Unser Wissen wurde unter anderem von alten Bildern aus dieser Zeit bereichert, die einige Mitschüler von ihren Großeltern ausgeliehen und mitgebracht haben.

Ein Mädchen berichtete über ihre Nachbarn, die die Zeit als Kinder miterlebten.

Wir freuten uns sehr, dass Frau Plöger sich mit dem Ehepaar Nussbaum in Verbindung setzte und sie zu uns in die Klasse eingeladen hat. Am 7. Juni 2008 kam Frau Nussbaum zu uns und fing an ganz ergreifend über ihre Kindheit und die Kindheit ihres Mannes zu erzählen.

Als die Nationalsozialisten als Partei an die Macht kamen, mussten alle Mädchen in den “Bund der deutschen Mädels“ (BDM). Frau Nussbaum gefiel diese Gemeinschaft, weil man dort miteinander spielte und vieles zusammen unternahm. Ihr blieb ein Theaterstück “Prinzessin schläft” in Erinnerung, welches sie in vielen Städten, auch in Prag, der Hauptstadt der Tschechoslowakei mit aufgeführt hatte. Bis heute kennt sie es auf tschechisch übersetzt “Princezna spi“, weil sie den Namen des Stückes im Bus auf der Rückfahrt gehört hatte.

Mit der Zeit gelang es der Nationalsozialistischen Partei, alles im Land mehr und mehr unter ihrer eigene Kontrolle und Macht zu bekommen. Den Kindern und Jugendlichen wurde viel über den mächtigen Parteichef und Führer Adolf Hitler und sein Leben berichtet. Dies fand Frau Nussbaum, wie sie uns erzählte, sehr langweilig.

Ein Mitschüler aus unserer Klasse fragte nach den Essenskarten. Sie wurden während des Krieges im Rathaus einmal im Monat ausgeteilt, wo jeder Mensch sie für sich selbst bekam. Frau Nussbaum erzählte, dass die Kinder größere Portionen als Erwachsene bekamen, damit sie stark werden konnten. Oft teilten sich die Menschen das Essen untereinander.

 

Herr Nussbaum, den Frau Nussbaum heiratete, war der Sohn des Arztes Dr. Robert Nussbaum, der unter der Verfolgung als Jude im Dritten Reich litt. Als Jude wurde ihm mit einem Brief mitgeteilt, dass er als Arzt nicht mehr arbeiten durfte. Frau Nussbaum zeigte uns diesen Brief. Dr. Nussbaum wurde ins KZ Sachsenhausen deportiert. In seinem letzten Brief schrieb er an seine Familie, dass es ihm gut gehe und dass sie sich die Hoffnung bewahren solle. Er stellte in seinem Schreiben viele Fragen, wie es seinen Kindern und der Ehefrau gehe. Er starb im Jahr 1941 in Sachsenhausen.

Dr. Robert Nussbaum hat in seinem Leben viele Auszeichnungen für seinen tapferen Einsatz für das Vaterland im Ersten Weltkrieg und für seine Arbeit als Arzt erhalten. Schließlich hat er die Entrechtung und Verfolgung als Jude durchlitten.

Nach ihm ist ein Altenwohnen- und Pflegeheim in der Brüderstraße in Minden benannt worden.

Frau Nussbaum zeigte uns auch einen Zeitungsartikel des Mindener Tageblatts, in dem Dr. Nussbaum mit seiner Familie abgebildet war und über sein Leben geschrieben wurde.

Erst spät nach dem Krieg lernte Frau Nussbaum den Sohn des Dr. Nussbaum kennen.

Es war ein schönes und interessantes Erlebnis, die Erzählung Frau Nussbaums, einer Zeitzeugin, zu hören. Frau Nussbaum hat uns diese Zeit näher gebracht. Auch das Buch “Lauf, Junge, lauf” und viele andere Gespräche im Unterricht mit unserer Klassenlehrerin Frau Plöger über die Naziherrschaft, vermittelten uns die schwere Zeit des Zweiten Weltkriegs, die zu der Vergangenheit des letzten Jahrhunderts gehört.

 

 

Martin Novak, 6a