Carmina Burana
"Guten Tag, Glücksgöttin!"
Mammutprojekt Carmina Burana: Erste gemeinsame Stellprobe aller Schulen
Minden (mt). "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile", sagte schon Aristoteles. Diese Erfahrung machen derzeit auch mehr als 200 Schüler von neun Mindener Schulen. Sie nehmen am "1. Community Dance Project" teil - also am ersten Gemeinschafts-Tanzprojekt in dieser Stadt überhaupt.
Von Anja Peper (Text) und Manfred Otto (Fotos)
In der Praxis heißt das: 216 Schüler aus den Klassen 7 bis 13, die jetzt noch kreuz und quer durch die Sporthalle wuseln, sollen gleich gemeinsam den ersten Akt der berühmten "Carmina Burana" tänzerisch darstellen. Es ist ihre allererste gemeinsame Probe - vorher wurde nur schulintern in kleinen Gruppen geprobt. Ob das wohl klappt?
Es geht in diesem ersten Bild um das ewige Kreisen der Welt zwischen Glück und Unglück, Aufstieg und Niedergang - also sozusagen um "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Allerdings wird dieses in den Carmina Burana von Carl Orff (1895 - 1982) viel prosaischer ausgedrückt: "O Fortuna! Wie der Mond so veränderlich, wachst du immer oder schwindest!" Die Schicksalsgöttin also ist´s, die das ewige Auf und Ab im Leben bestimmt.
Miguel Angel Zermeño ist eine Show für sich
Es sind meistens Mädchen, die hier mittanzen. Auch die Freundinnen Sevim, Lena und Viktoria (alle 14 Jahre) sind dabei. Das Trio besucht die Käthe-Kollwitz-Realschule. Die Vorfreude auf die erste große gemeinsame Stellprobe aller Schulen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie haben ihre eigene These, warum nur so wenige Jungs am Tanzprojekt beteiligt sind: "Wahrscheinlich, weil kein Hip-Hop dabei ist."
Für die Liedersammlung aus dem Mittelalter, und sei sie auch noch so berühmt, waren die Mitschüler nicht zu begeistern.
"Alle Aktiven hinsetzen!" Anne Buchalle, Lehrerin am Ratsgymnasium und gemeinsam mit Kollegin Cordula Küppers künstlerische Leiterin, hat sich das Mikrofon geschnappt und Gehör verschafft. Alle lassen sich auf dem Hallenboden nieder. Es wird ruhiger. Sie rät den Schülern: "Schaut euch genau an, wer neben euch sitzt. Mit denen werdet ihr im Juli und August noch oft zu tun haben." Gerade kurz vor dem großen Auftritt (24. August, Kampa-Halle) werden es noch viele viele Stunden werden, in denen geprobt werden muss, macht Anne Buchalle den Teilnehmern deutlich.
Und dann: Auftritt Miguel Angel Zermeño. Der gebürtige Mexikaner ist eine Show für sich. Wer ihn live erlebt, hat keinen Zweifel mehr, dass dieses ambitionierte, anspruchsvolle und zeitaufwändige Projekt tatsächlich klappen kann. Schon von der Optik her ist er ein faszinierender Typ: Die schwarzen Locken würden ihm knapp bis zum Ellenbogen reichen, wenn er sie nicht mit einem Haarband gebändigt hätte. Aber noch interessanter ist, wie er sich bewegt: Der Choreograph gibt dem Begriff Körpersprache eine ganz neue Dimension. Kraft, Spannung, Eleganz - wer nicht weiß, dass Zermeño Tänzer ist, könnte beim heiteren Beruferaten durchaus darauf kommen.
Und dann wird´s ernst: Die Glücksgöttin Fortuna (Franziska Meintrup vom Ratsgymnasium) begibt sich ins Zentrum des Geschehens. Bei dieser Stellprobe hat noch niemand ein Kostüm an, darum hockt sie im "Guten Tag"-Shirt auf dem Kasten, um den sich (hoffentlich) gleich das Glücksrad der Fortuna drehen wird. Das ewige Kreisen der Welt zwischen Glück und Unglück, Aufstieg und Niedergang vertont Orff in dem großen Chorsatz.
Und jetzt zahlt sich die langjährige Erfahrung von Miguel Angel Zermeño aus. Er hat nicht nur international Erfahrungen als Tänzer und Choreograph gesammelt, sondern bereits mehrfach mit Schülern gearbeitet, in Honkong zum Beispiel und im vergangenen Jahr in Bonn. Von einer Kollegin dort hat Cordula Küppers auch den Tipp bekommen, ihn zu engagieren: "Ein echter Glücksgriff", meint sie.
Der Choreograph erklärt den Schülern, wo und wie sie sich bewegen sollen. Ein Gefühl für den Raum bekommen, für die Musik, für die anderen und für das Gesamtbild. Sicherheitshalber hängt an der Wand ein handgemalter Übersichtsplan, dem zu entnehmen ist, welche Schüler wohin gehören. Und jetzt: Alle auf ihre Plätze! Die Glücksgöttin bleibt im Zentrum, die Musik setzt ein, die Schüler kreisen gruppenweise um Fortuna. Und plötzlich hat man eine erste Vorstellung davon, wie es aussehen wird, wenn sich im August das Glücksrad dreht.
Carmina Burana, 1. Community Dance Project Minden, am Sonntag, 24. August, 15 und 18 Uhr, Kampa-Halle. Karten bei "Express - Reisen / Tickets / Zeitschriften", Obermarktstraße 28-30, Telefon (05 71) 8 82 77.
