AMOK – Literaturkurs Conrads Jahrgangsstufe 12
Amokläufe an Schulen, auch Schoolshootings genannt, werden von einem Großteil der Menschen üblicherweise als eine völlig neue Dimension der Gewalt wahrgenommen. Schockierende Szenen, wie sie sich zuletzt im April 2011 in Realengo, einem Vorort von Rio de Janeiro, abspielten, gelten oft in erster Linie als Hinweis auf eine immer niedrigere Schwelle zur Gewaltbereitschaft – und diese als ein Symptom unserer modernen, globalisierten Welt. Dabei ist das Problem nicht unbedingt ein neues: Bereits im Juni 1913 starben bei einem Attentat an einer Bremer Schule vier Kinder, und die Gemeinde Bath im amerikanischen Bundesstaat Michigan ging schon 1927 als Ort des bis heute schlimmsten Massakers an einer Schule in die Geschichte der USA ein. Weitere Amokläufe folgten, doch stellten diese eher Einzelfälle dar, es gab keine wiederkehrenden Muster in der Durchführung und die Täter waren zumeist psychisch Kranke, die den Ort ihrer Gewaltausübung scheinbar zufällig wählten.
von Imke Horstmannshoff
In den 1990er Jahren änderte sich dies: Immer mehr Fälle wurden bekannt, in denen Schüler auf ihre Mitschüler und Lehrer schossen. Bei einem Schulmassaker an einer Schule nahe Littleton in Colorado töteten ein 17- und ein 18-Jähriger 1999 zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer. Die beiden Jugendlichen waren an der Columbine Highschool Mobbing ausgesetzt gewesen, was das Tatmotiv der Rache begründet. Die Tat war von langer Hand geplant – und löste in den Medien eine kontroverse Diskussion um Ursachen und Möglichkeiten der Verhinderung aus. Seither wurden jährlich neue Amokläufe bekannt und immer mehr Präventionsmaßnahmen, wie erhöhte Sicherheitsvorkehrungen an Schulen, wurden eingeleitet. Schoolshootings sind auch heute nicht allein ein Problem der amerikanischen Gesellschaft: Die Amokläufe von Erfurt (2002), Emsdetten (2006), Ansbach (2009) und Winnenden (2009) zeigen, dass trotz der strengeren Waffengesetze auch an deutschen Schulen ein erhöhtes Risiko besteht.
Wir, der Literaturkurs der Jahrgangsstufe 12, haben im letzten Schuljahr unter der Leitung von Michael Conrads die Inszenierung eines Theaterstückes bewältigt, die – im Vorfeld viel diskutiert – letzten Endes die Erwartungen (vor allem die eigenen) in vielen Punkten übertraf.
Das Stück selbst, Amok, beschreibt nicht nur – wie der Titel vermuten ließe – ein Attentat an einer Schule, sondern erzählt dem Zuschauer viel mehr: von dem täglichen Wahnsinn, dem Schüler und Lehrer oftmals ausgesetzt sind, dem Konkurrenzdenken und der Lähmung im sozialen Miteinander, von Problemen, die tief sitzen: Der Schläger, Dominik, lässt seine familiären und schulischen Probleme an beinahe jedem aus, jedoch besonders an seinem Mitschüler Jan, den er, gemeinsam mit seinem Kumpel Christoph, regelmäßig verprügelt. Seine Mutter, die selbst unter ihm zu leiden hat, kann weder das Geld, noch die Zeit oder die Nerven aufbringen, die es bräuchte, um seine Probleme zu erkennen. Jana, die Klassensprecherin, die Jan, der von allen gemobbt wird, helfen will, hat mit ihren eigenen Blockaden eigentlich genug zu kämpfen, Linda und Naima laufen einem Schönheitsideal hinterher, das sich nur schwer verwirklichen lässt, Karin ist in Stefan verliebt, der sich aber wiederum für niemanden zu interessieren scheint. Und ein Lehrer droht, an seiner eigenen Unsicherheit zu ersticken. So wird ein krass überzeichnetes und verdichtetes Bild von Vorgängen an einer Schule erzeugt, die allesamt offenbar darauf zusteuern, ihr jähes Ende zu finden. Keiner an dieser Schule ist ‚normal’, jeder hat seine Träume und Ängste, so wie auch ein jeder von uns mit vielschichtigen Problemen zu kämpfen hat. Doch wer ist der Amokläufer? Und wer ist ein Amokläufer überhaupt?
Amok betreibt Ursachenforschung: Was treibt einen Menschen so weit, zu einer solchen Gewaltattacke fähig zu sein? „Nichts geschieht ohne Vorzeichen. Das Problem ist, dass niemand hinsieht.“ Was ist es, das die Menschen davon abhält, Rücksicht zu nehmen, einander richtig zuzuhören und das Risiko zu erkennen?
In Form eines Stationentheaters wurde das Publikum von Schauspielern und Regie weitestgehend unvorbereitet von Szene zu Szene durch den 3. Stock des Neubaus geführt, in dem sich die ITG- und Chemieräume befinden. Diese Authentizität des Settings und der improvisierte Einbezug der Zuschauer vonseiten der Schauspieler ließen nach Zuschaueraussagen mehrfach die Illusion entstehen, mitten im Geschehen zu sein – nicht in der Rolle eines Beobachters, sondern in der eines Schülers – und die Vorgänge bis zum Ende live mitzuerleben. Auch durch den Einsatz audiovisueller Darstellungen wie Videoprojektionen und Flackerlicht kam eine Atmosphäre der ständigen Bedrohung auf. Die Handlung ließ das Publikum nach einem unmittelbaren Einstieg durch nicht nur tragische, sondern bisweilen auch komische Elemente teils sehr nah an die Charaktere heran, um es schließlich mit einem plötzlichen Ende auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Nicht selten machte sich nach einer Aufführung bei den Zuschauern Sprachlosigkeit breit.
Das Bewusstsein, seinen Teil – als Schauspieler, als Regisseur, als Inspizient, als Bühnenbauer, als Techniker oder Manager - zu einem Theaterstück beigetragen zu haben, das viele Menschen hoffentlich zu mehr Rücksicht aufeinander bewegen und ihnen noch lange im Gedächtnis bleiben wird, ist schon allein eine bedeutungsvolle Erfahrung für jeden einzelnen von uns. Hinzu kommt jedoch das tiefe Gemeinschaftsgefühl, das dabei entstand. Projekte wie dieses entwickeln ab einem bestimmten Zeitpunkt eine Dynamik, die in unserem Fall keiner der Beteiligten mehr zu fassen bekam. Wir wuchsen zusammen, und das in einer Form, die keine Klassenfahrt oder gemeinschaftliche Arbeit bisher hatte erreichen können. Nach einem ganzen Schuljahr, durch das es uns begleitet hat, nach gefühlten Hunderttausenden von Freitagnachmittagen, die wir mit Organisation, Textarbeit und Proben verbrachten, und nach abschließenden vollen zweieinhalb Wochen täglichen intensivsten Durchläufen waren wir vorbereitet. Aber nicht auf das, was es in uns auslöste. Die Zuschauer waren nach eigenen Angaben oft beeindruckt und schockiert von der Eindringlichkeit des Gesehenen. Am meisten beeindruckt sind wir aber selbst. Von dem, was wir ausgelöst und angerührt haben in anderen, was wir zusammen geschafft und erlebt haben und wie wir uns als Einzelne und als Gruppe verändert und verstärkt haben. Zu den Präventionsmaßnahmen gegen schulische Gewalt zählt eines ganz gewiss: Das Theaterspielen.
